von Moritz Sommer und Sebastian Haunss
| ABSTRACT Bei den Mobilisierungen zu den G20-Protesten in Hamburg ist die âGewaltfrageâ und die Frage nach den Grenzen von Protest allgegenwĂ€rtig. Der Beitrag vergleicht und erklĂ€rt Einstellungsmuster zu Formen konfrontativen Protests unter Teilneh-mer*innen der Demonstrationen âProtestwelleâ am 2. Juli 2017 und âGrenzenlose SolidaritĂ€t statt G20â am 8. Juli 2017. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Spaltung der mobilisierenden Organisationen entlang der taktischen Ausrichtung der Proteste ĂŒberraschend wenig in den Einstellungsmustern der Protestierenden widerspiegelt. Die Haltung gegenĂŒber der Polizei trĂ€gt maĂgeblich zur Akzeptanz oder Ablehnung konfrontativer Protestformen bei. Titelbild: Georg Wendt fĂŒr Protestwelle (cc-by via Flickr) |
1. Der Kontext
Die Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg reihen sich ein in eine lange Serie von Gipfelprotesten, die sich gegen die Politik der G7, G8 und G20 sowie gegen die Politik der internationalen Organisationen Weltbank und Internationaler WĂ€hrungsfonds (IWF) richteten. In Deutschland kam es zuletzt 2007, beim G8-Gipfel in Heiligendamm und 2015, beim G7-Gipfel 2015 in Elmau, zu gröĂeren Protesten. Dabei gab es deutliche Unterschiede bei der Mobilisierung und bei den Protestformen. Beim G8-Gipfel in Heiligendamm einigte sich das ProtestbĂŒndnis auf eine gemeinsame Auftaktdemonstration am Samstag vor Beginn des offiziellen Gipfels. Bei dieser Demonstration kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und einem Teil der Demonstrant*innen aus dem linksradikalen Spektrum. Die Eskalation stellte den Zusammenhalt des ProtestbĂŒndnisses infrage, auch wenn nach dem friedlichen Verlauf der weiteren Proteste insgesamt eine positive EinschĂ€tzung bei den Protestorganisator*innen dominierte (Teune 2008).
Bei den Protesten gegen den G7-Gipfel in Elmau im Jahr 2015 konnten sich die zu den Protesten aufrufenden Gruppen nicht mehr auf eine gemeinsame Protestchoreographie einigen. Gruppen vor allem aus dem linksradikalen Spektrum mobilisierten zu Demonstrationen und Blockaden am Gipfelort in der NĂ€he von Garmisch-Partenkirchen, an denen sich zwischen 3.600 (Polizeiangaben) und 7.000 (Veranstalter) Menschen beteiligten. Deutlich mehr Personen (Polizei 34.000, Veranstalter 40.000) hatten sich an der bereits zwei Tage vor dem Gipfel stattfindenden Demonstration in MĂŒnchen beteiligt, zu der vor allem Gruppen aus dem gemĂ€Ăigt linken Spektrum aufgerufen hatten. Entgegen dem von Polizei und Politik im Vorfeld aufgebauten Bedrohungsszenario[1] blieben beide Proteste jedoch friedlich und es kam nur am Rande zu Rangeleien zwischen Polizei und Demonstrant*innen.
Die beiden vorangegangenen Gipfelproteste bilden den Hintergrund fĂŒr die Mobilisierung gegen den G20-Gipfel 2017 in Hamburg. Nicht wenige der beteiligten Aktivist*innen und Organisationen hatten sich bereits an beiden vorangegangenen Gipfelprotesten beteiligt. Und Ă€hnlich wie bei den vorangegangenen Protesten (Leach & Haunss 2010) werden auch die Vorbereitungen zu den G20-Protesten bald von Schreckensszenarien und der Warnung vor Ausschreitungen und Krawallen begleitet. Schon Monate vor Beginn der Proteste problematisieren Teile der Medien und der Politik die in ihren Augen fehlende Distanzierung von Gewalt unter Teilen der Organisator*innen[2]. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Ausschreitungen wĂ€hrend der Auftaktkundgebung der G8-Proteste 2007 und der konfliktreichen Hamburger Protestgeschichte erregt die sogenannte âGewaltfrageâ die GemĂŒter. Martialisch anmutende Mobilisierungsvideos und eine bisweilen aggressive Bildsprache in Teilen des Protestspektrums tun ihr ĂŒbriges; bereits lange vor der Eskalation im Juli 2017 ĂŒberschatteten Gewaltdiskurse die Mobilisierung zu den Protesten. Das hat auch Folgen fĂŒr den Zusammenhalt innerhalb des Protestspektrums:
Die unweigerliche Auseinandersetzung um die Grenzen von Protest und die LegitimitĂ€t bestimmter Protestformen wirkt sich alsbald auf die in der âG20-Plattformâ zusammengeschlossenen Organisationen aus. Bereits im SpĂ€twinter 2017 verkĂŒndet eine Gruppe um das Aktionsnetzwerk Campact, dem BUND und anderen Organisationen ihren RĂŒckzug aus der Plattform. ErklĂ€rtes Ziel des neuen BĂŒndnisses ist die Planung einer eigenen GroĂdemonstration âG20-Protestwelleâ im Vorfeld des Gipfels und damit auch vor der vom âG20-BĂŒndnisâ geplanten zentralen Abschlusskundgebung âGrenzenlose SolidaritĂ€t statt G20â am 8. Juli 2017. Die Spaltung der âPlattformâ allein auf die âGewaltfrageâ zu reduzieren wĂ€re allerdings verkĂŒrzt. Inhaltliche Differenzen und die Reichweite der Kritik sind, wie schon bei den Protesten gegen das G7-Treffen 2015, ein wesentlicher Faktor. In den Aufrufen steht eine radikale Ablehnung der G20 als ReprĂ€sentant des globalen Kapitalismus einem eher auf die Reform der G20 setzenden Form des âappellativenâ Protests gegenĂŒber, wie sie von den in der âProtestwelleâ vertretenen Organisationen propagiert wird. Der G20-Gipfel, der im Gegensatz zu den G7/G8 tatsĂ€chlich groĂe Teile der Weltbevölkerung vertrĂ€te[3], wird nicht per se als illegitim abgelehnt. Vielmehr werden konkrete Forderungen an den Gipfel gerichtet. Campact-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Christoph Bautz grenzt sich folglich von den Organisator*innen der Abschlusskundgebung ab: âWir unterscheiden uns ein StĂŒck von der Demo am 8. Juli. Die lehnen die G20 ab â wir aber lehnen die Politik der G20 ab.â[4]. Daneben treten auch unterschiedliche inhaltliche Schwerpunktsetzungen: Die Organisator*innen der âProtestwelleâ fokussieren die Themen Umwelt- und Klimaschutz, gerechter Welthandel, soziale Gerechtigkeit und eine StĂ€rkung der Demokratie. Auch die âG20-Plattformâ greift diese Kritik an den G20 auf, setzt aber zusĂ€tzlich Akzente auf die Themen Krieg und Flucht, Rassismus und â wie im Motto angelegt â internationale SolidaritĂ€t.
Neben inhaltlichen Unterschieden treten auch taktische Differenzen deutlich zu Tage. Zum einen gilt das fĂŒr den Zeitpunkt der Demonstrationen. So begrĂŒndet Bautz den frĂŒhen Termin der âProtestwelleâ mit der besseren Wahrnehmbarkeit: Diese gelĂ€nge âam besten, wenn man vorher auf die StraĂe geht âŠ, wo noch nicht alles ĂŒberstrahlt wird von den Bildern der Staats- und Regierungschefs.â[5]Wichtiger und kontroverser aber ist die Frage, inwieweit störend in die AblĂ€ufe des Gipfels eingegriffen werden solle und ob man sich bereits im Vorfeld von militanten und möglicherweise gewaltvollen Aktionen distanzieren mĂŒsse. Am deutlichsten manifestieren sich die taktischen Differenzen bei der Frage nach der LegitimitĂ€t von Blockaden als Protestmittel gegen den Gipfel. Bautz, der im Vorfeld vermehrt als Sprachrohr der âProtestwelleâ in Erscheinung tritt, bringt die Grenzziehung auf den Punkt: Sitzblockaden seien âdas falsche Signalâ, denn es sei wichtig, âdass in diesen Krisenzeiten Regierungschefs miteinander reden â auch wenn leider hĂ€ufig die falsche Politik dabei rauskommtâ[6]. In einem gemeinsamen Interview in der taz kontert ein Sprecher der Interventionistischen Linken, die die âG20-Plattformâ vertritt und offen zu Blockaden als Protestmittel aufruft: âTrump wirft die âMutter aller Bombenâ, Merkel und ihre europĂ€ischen Komplizen lassen Tausende im Mittelmeer ertrinken â aber Blockaden sind unangemessen?â[7].
Neben diesen expliziten gibt es auch implizite Formen der Abgrenzung, gerade von Seiten der Organisator*innen der âProtestwelleâ. So wird die Friedfertigkeit der eigenen Demonstration wiederholt und nachdrĂŒcklich betont und somit der oft als uneindeutig kritisierten Positionierung einiger linksradikaler Organisationen der âPlattformâ entgegengestellt. âWir wollen einen friedlichen Protest und nicht in Krawalle hineingeratenâ, sagt Angelika Gardiner von Mehr Demokratie Hamburg und GĂŒnter Beling vom DGB Nord ergĂ€nzt, man wolle sich ânicht mit der anderen Demo auseinandersetzen. Wir wollen friedliche Protesteâ.[8] Damit wird die medial verbreitete und auch von den Sicherheitsbehörden kommunizierte Dichotomisierung zwischen âfriedlichemâ (und damit legitimen) und âpotentiell gewaltbereitemâ (und damit illegitimen) Protest reproduziert (Teune & Sommer 2017) (journalistische SpielrĂ€ume). Kurz vor dem Beginn der Proteste berichtet beispielsweise das Abendblatt der Verfassungsschutz habe âvor der Teilnahme an von Linksextremen organisierten oder mit veranstalteten Anti-G20-Demonstrationen [inklusive der Abschlussdemonstration] gewarntâ.[9] Und wĂ€hrend die Demonstration am 2. Juli als âfriedlich und familiĂ€râ wahrgenommen wurde, warnt PolizeiprĂ€sident Ralf Meyer am Morgen der Abschlussdemonstration, dass sich âRandaliererâ unter die Demonstration mischen wĂŒrden: âEs ist davon auszugehen, dass erneut kein friedlicher Protest möglich sein wirdâ[10]. Entgegen der Warnungen blieb die Abschlusskundgebung, wie auch die âProtestwelleâ, trotz der durch die Vorkommnisse der Vortage angespannten Situation allerdings weitgehend ruhig.
Bei der frĂŒh beginnenden Fixierung auf die âGewaltfrageâ in Medien, Politik und bei einigen der mobilisierenden Organisationen geraten die Sichtweisen der Protestierenden schnell aus den Blick. Ob sich die Differenzen der Organisator*innen auch in den Einstellungsmustern der Demonstrationsteilnehmer*innen widerspiegeln, bleibt unklar. Auch die These des Abschreckungspotentials des Schwarzen Blocks fĂŒr potentielle Demonstrationsteilnehmer*innen ist nicht belegt. Im Folgenden nehmen wir daher die Einstellungsmuster der Protestierenden in den Blick. DarĂŒber hinaus untersuchen wir, in wie weit die Eskalation in der Protestwoche sich in dem Antwortverhalten der Protestierenden widerspiegelt. DafĂŒr greifen wir auf die Ergebnisse von zwei Demonstrationsbefragungen zurĂŒck. Der Fragebogen beinhaltete auch Fragen zur gegenseitigen Wahrnehmung der beiden Demonstrationen, sowie zu Einstellungen gegenĂŒber konfrontativen Protestformen und zur EinschĂ€tzung der Polizeibegleitung.
2. Die Befragungen der Demonstrationen
Die Befragung der beiden groĂen BĂŒndnisdemonstrationen âProtestwelleâ am 2. Juli 2017 und âGrenzenlose SolidaritĂ€t statt G20â am 8. Juli 2017 zielte darauf ab, mehr ĂŒber die Motive, Mobilisierungswege und politischen HintergrĂŒnde der Protestierenden zu erfahren.[11] Die Frage der Gewalt stand dabei nicht im Vordergrund des Interesses. Allerdings gab es auch einzelne Fragen zu diesem Themenkomplex. Eine umfassende Auswertung der Befragung ist bereits an anderer Stelle veröffentlicht worden (Haunss et al. 2017). Hier beschrĂ€nken wir uns auf den Aspekt der Akzeptanz mehr oder weniger konfrontativer Aktionsformen und auf die EinschĂ€tzung des Agierens der Polizei und der jeweils anderen Demonstration.
2.1. Gegenseitige Wahrnehmung
Sowohl die Medien, als auch die Organisator*innen selbst trugen dazu bei, dass beide Demonstrationen auch als Konkurrenzveranstaltungen zweier sich unterscheidender Protestspektren verstanden wurden. Spiegelt sich diese Abgrenzung in der gegenseitigen Wahrnehmung der Demonstrationsteilnehmer*innen wieder? Die Frage nach der Wahrnehmung der jeweils anderen Demonstration zeigt, dass es einen relevanten Anteil unter den Befragten gibt, der die jeweils andere Demonstration kritisch sieht; auf der âProtestwelleâ am 2. Juli geben 14 Prozent der Befragten an, die Demonstration âGrenzenlose SolidaritĂ€t statt G20â am 8. Juli sei ihnen âzu radikalâ. Umgekehrt geben bei der zweiten Demonstration am 8. Juli rund 30 Prozent an, ihnen sei die âProtestwelleâ âzu bĂŒrgerlichâ. Vor allem auf der Abschlusskundgebung scheint es also Vorbehalte gegenĂŒber der âProtestwelleâ zu geben, die zumindest ansatzweise die gegenseitige Abgrenzung der Organisator*innen widerspiegelt.
Die Ergebnisse fĂŒr die âProtestwelleâ zeigen aber auch, dass 86% und damit die groĂe Mehrheit der Befragten die Abschlusskundgebung nicht als âzu radikalâ empfindet. Eine generelle Ablehnung lĂ€sst sich daraus nicht ableiten. Das zeigt sich auch an anderer Stelle: Immerhin knapp 37% der Befragten auf der âProtestwelleâ geben an, auch die Abschlusskundgebung besuchen zu wollen.[12] Unter denjenigen, die die Abschlusskundgebung als âzu radikalâ empfinden, ist es noch knapp jede*r Zehnte*r, die/der angeben die Demonstration am 8. Juli dennoch besuchen zu wollen.
In der Zusammenschau scheinen die Ergebnisse der These eines allgemeinen Abschreckungspotentials der Abschlusskundgebung zu widersprechen. Auch die deutlich höheren Teilnehmer*innenzahlen auf der Abschlusskundgebung passen nicht in dieses Bild. Insgesamt scheinen die medial verbreiteten Abgrenzungsdiskurse nur einen geringen Einfluss auf die gegenseitige Wahrnehmung der Protestierenden zu haben.
2.2. Radikal vs. gemĂ€Ăigt?
GrundsĂ€tzlich haben die Auswertungen der Demonstrationsbefragungen gezeigt, dass die Demonstrierenden der Abschlusskundgebung sich im Vergleich zur âProtestwelleâ etwas weiter im linken Spektrum verorten und in ihrer Kritik gegenĂŒber den G20 etwas radikaler sind. Insgesamt sind sich die Teilnehmer*innen aber Ă€hnlicher, als es die Entgegensetzung der beiden Demonstrationen im Vorfeld hĂ€tte erwarten lassen (siehe auch Haunss et al. 2017). Wie sieht es nun mit den Einstellungen zu unterschiedlichen Strategien des Protests aus?
Die Teilnehmer*innen beider Demonstrationen geben auf einer Skala von 1 (âĂŒberhaupt nichtâ) bis 5 (âvoll und ganz â) an, in wie fern sie den folgenden Aussagen zustimmen. a) Blockaden sind ein legitimes Mittel des Protests gegen G20, b) SachbeschĂ€digungen sind ein nebensĂ€chliches Ăbel angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, c) Bei einem gewalttĂ€tigen Vorgehen der Polizei ist Widerstand legitim, d) Gewalt ist legitim, um dem Protest Gehör zu verschaffen.
Die Tabelle 1 zeigt detailliert das Antwortverhalten fĂŒr beide Demonstrationen. Wie erwartet tendieren Befragte auf der âProtestwelleâ eher dazu konfrontative Formen des Protests abzulehnen.
Tabelle 1: Zustimmung zu konfrontativen Aktionsformen
| Aktionsformen | voll und ganz | ĂŒberwiegend | teils/teils | eher nicht | ĂŒberhaupt nicht | N | Cramers V |
| Blockaden | 0,270*** | ||||||
| Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Demo 2. Juli | 34,30% | 24,95% | 22,45% | 12,47% | 5,82% | 481 | |
| Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Demo 8. Juli | 58,03% | 23,41% | 10,70% | 5,02% | 2,84% | 598 | |
| SachbeschÀdigungen | 0,194*** | ||||||
| Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Demo 2. Juli | 3,33% | 9,56% | 13,93% | 28,48% | 44,70% | 481 | |
| Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Demo 8. Juli | 6,68% | 13,19% | 21,54% | 31,22% | 27,38% | 599 | |
| Widerstand | 0,177*** | ||||||
| Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Demo 2. Juli | 3,33% | 9,56% | 13,93% | 28,48% | 44,70% | 479 | |
| Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Demo 8. Juli | 6,68% | 13,19% | 21,54% | 31,22% | 27,38% | 594 | |
| Gewalt | 0,205*** | ||||||
| Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Demo 2. Juli | 0,62% | 2,28% | 8,71% | 23,24% | 65,15% | 482 | |
| Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Demo 8. Juli | 2,68% | 4,68% | 17,22% | 28,93% | 46,49% | 598 | |
| * p < .05 ** p < .01 *** p < .001 | |||||||
FĂŒr alle Fragen ergibt sich mit der Berechnung des ZusammenhangsmaĂ Cramers V ein signifikanter Zusammenhang, von allerdings nur schwacher und â allenfalls bei der Frage nach der LegitimitĂ€t von Blockaden â mittlerer StĂ€rke. D.h. statistisch gibt es nur einen relativ schwachen Zusammenhang zwischen der Teilnahme an einer der beiden Demonstrationen und dem Antwortverhalten auf diese Fragen.
Dies ist interessant, weil es ja gerade die konfrontativeren Formen des Protests waren, bei denen die taktischen Differenzen der Organisator*innen am deutlichsten zutage traten. Interessanterweise beurteilen aber auch knapp 60% und damit die deutliche Mehrheit der Befragten der âProtestwelleâ Blockaden als legitimes Mittel des Protests gegen den G20-Gipfel. Nicht einmal jede*r FĂŒnfte folgt der ablehnenden Haltung der Organisator*innen. Dass bei einer genaueren Betrachtung die Differenzen zwischen den beiden Demonstrationen weniger groĂ sind, als man vielleicht erwartet hĂ€tte, zeigt auch eine Visualisierung der Antworten der Teilnehmer*innen beider Demonstrationen mit Hilfe von Boxplots, (Abbildung 1).
Abbildung 1: Verteilung der Antworten auf die Frage nach der Zustimmung zu verschiedenen Aktionsformen[13]
WĂ€hrend Blockaden als konfrontative Protestform von der Mehrheit der Demonstrierenden beider Demonstrationen befĂŒrwortet werden, wird Gewalt als generelles Mittel um dem Protest Gehör zu verschaffen ganz ĂŒberwiegend abgelehnt. Auch das gilt demonstrationsĂŒbergreifend, auch wenn der Anteil derjenigen, die Gewalt als Protestmittel als âeher nichtâ oder âĂŒberhaupt nichtâ legitim erachten mit rund 88% auf der ersten Demonstration gröĂer ist, als auf der zweiten Demonstration (~75%). Ăhnlich groĂ sind die Unterschiede bei der Frage nach der LegitimitĂ€t von SachbeschĂ€digung, allerdings wird diese Ausdrucksform des Protests insgesamt weniger kritisch gesehen. Auf der âProtestwelleâ halten rund 13% der Befragen SachbeschĂ€digungen fĂŒr ein ânebensĂ€chliches Ăbelâ, auf der Abschlusskundgebung sind es rund 20%. Insgesamt lĂ€sst sich aber festhalten, dass Gewalt als Protestform ganz ĂŒberwiegend abgelehnt wird; die Unterschiede zwischen den Teilnehmer*innen der beiden Demonstrationen sind dabei eher gradueller Natur.
Etwas anders gelagert ist das Antwortverhalten bei der Frage nach der LegitimitĂ€t von Widerstand im Falle von Polizeigewalt. Auf der zweiten Demonstration hĂ€lt mehr als die HĂ€lfte der Befragten (~56%) Widerstand fĂŒr âvoll und ganzâ oder âĂŒberwiegendâ gerechtfertigt. Hier könnten die EindrĂŒcke der Protestwoche und insbesondere die Empörung ĂŒber die Auflösung der âWelcome to Hellâ-Demonstration ein bestimmender Faktor gewesen sein. Aber auch bei der âProtestwelleâ hĂ€lt jede*r vierte Widerstand gegen Polizeigewalt fĂŒr legitim. Vor dem Hintergrund, dass diese Demonstration zeitlich vor den Tagen der Eskalation lag, sind die nur geringen Unterschiede umso erstaunlicher.
Insgesamt zeigt sich auch in Bezug auf die Einstellungen zu konfrontativen Protestformen nur ein gradueller und mitnichten fundamentaler Unterschied zwischen den Befragten beider Demonstrationen. Auf der Basis der Befragung ist keine Entgegensetzung von radikalen und potentiell gewaltbereiten Demonstrierenden am 8. Juli und gemĂ€Ăigten, friedliebenden Protestler*innen am 2. Juli zu erkennen.
2.3. Wahrnehmung der Polizei
Die Ăberlagerung der Mobilisierung zu den Protesten durch Gewaltdiskurse und die dann einsetzenden Bilder der Eskalation finden sich zumindest in Teilen auch in den Antworten auf die Frage nach der Motivation fĂŒr den Protest wieder. WĂ€hrend in einer geschlossenen Frage mit mehreren, vorgegebenen Antwortmöglichkeiten nach den âThemen, die Ihnen bei der G20-Demonstration am wichtigsten sindâ nur relativ wenige das (nicht polizei-spezifische) Item âRepression und Ăberwachungâ auswĂ€hlen (2. Juli: 2,7%; 8. Juli: 8,2%), hinterlassen unter den Befragten der Abschlusskundgebung[14] insbesondere bei der offenen Frage nach dem Anliegen, welches bei der Demonstration zum Ausdruck gebracht werden soll, die EindrĂŒcke der Protestwoche ihre Spuren.
Zahlreiche Teilnehmer*innen thematisieren das Verhalten der Polizei an den Vortagen der Protestwoche. Ein Befragter versteht seine Teilnahme als âAusĂŒbung des Demonstrationsrechts entgegen latenter EinschĂŒchterungsversuche [âŠ] durch [das]Ăberbetonen angstschĂŒrender Ausschreitungsszenarien in polizeilicher Ăffentlichkeitsarbeit und Medienâ, ein anderer Ă€uĂert die âHoffnung, friedlich demonstrieren zu können, ohne von der Polizei in Angst und Schrecken versetzt zu werdenâ. Daneben finden sich â allerdings deutlich weniger oft â Distanzierungen von den Krawallen der Vortage, z.B. bei einem Befragten, der angibt dafĂŒr einzutreten, âdass Hamburg [nicht] als Gewaltstadt um die Welt geht, sondern als Stadt, die fĂŒr lebendige Demokratie steht.â
Wenig ĂŒberraschend ist, dass sich bei der Wahrnehmung der Polizeibegleitung der beiden Demonstrationen groĂe Unterschiede zeigen (Tabelle 2 und 3). So geben auf der âProtestwelleâ etwas mehr als die HĂ€lfte der Befragten an, die Polizeibegleitung der Demonstration als âkooperativâ wahrzunehmen; am 8. Juli sind es nur rund 20%. Noch deutlich gröĂer sind die Unterschiede bei der entgegengesetzten Frage: Auf der Abschlusskundgebung geben fast 45% an, die Polizeibegleitung sei âsehr starkâ oder âstarkâ aggressiv. Sechs Tage zuvor trifft das auf nur knapp 10% der Befragten zu.
Tabelle 2: Wahrnehmung der Polizeibegleitung
| Wahrnehmung der Polizeibegleitung |
Sehr stark | Stark | Etwas | Wenig | Gar nicht | N | Cramers V |
| kooperativ | 0,365*** | ||||||
| Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Demo 2. Juli | 16,7% | 34,6% | 30,5% | 12,7% | 5,5% | 456 | |
| Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Demo 8. Juli | 3,1% | 17,9% | 33,1% | 32,6% | 13,2% | 574 | |
| aggressiv | 0,568*** | ||||||
| Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Demo 2. Juli | 3,5% | 6,6% | 9,7% | 17,2% | 62,9% | 453 | |
| Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Demo 8. Juli | 18,4% | 26,1% | 24,7% | 19,4% | 11,4% | 587 | |
| * p < .05 ** p < .01 *** p < .001 | |||||||
Angesichts der Tatsache, dass es auch am 8. Juli zu keiner nennenswerten Konfrontation von Protestierenden und Polizei kam und dass die Polizei ĂŒber weite Strecken nicht oder kaum zu sehen war, ist dieser groĂe Unterschied, der auch von einem hohen Wert fĂŒr das ZusammenhangsmaĂ Cramers V (0,568) statistisch dokumentiert ist, beachtlich. Das legt die Vermutung nahe, dass sich die gewaltsame Eskalation der Vortage auf eine kritische Haltung gegenĂŒber der Polizei ausgewirkt hat.
Die Interpretation deckt sich mit deutlich niedrigeren Vertrauenswerten fĂŒr die Polizei auf der zweiten Demonstration (siehe Tabelle 3) und zumindest teilweise in der höheren Akzeptanz von Widerstand im Falle von Polizeigewalt unter den Befragten der âAbschlusskundgebungâ (siehe oben).
Tabelle 3: Vertrauen in die Polizei
| Demo 2. Juli | Demo 8. Juli | |
| Voll und Ganz | 4,4% | 1,9% |
| Weitgehend | 39,8% | 21,8% |
| Teilweise | 32,8% | 35,3% |
| Eher nicht | 18,3% | 27,7% |
| Ăberhaupt nicht | 4,6% | 13,3% |
| N | 475 | 592 |
| Cramers V = 0,247*** / * p < .05 ** p < .01 *** p < .001 | ||
2.4. Was beeinflusst die Akzeptanz konfrontativer Protestformen?
In den vorangehenden deskriptiven Analysen stand der Vergleich der beiden Demonstrationen im Vordergrund. Dabei hat sich gezeigt, dass sich die Akzeptanz konfrontativer Protestformen zwar voneinander unterschiedet, dieser Unterschied aber nur schwach ausgeprĂ€gt und eher gradueller Natur ist. Unklar ist noch, welche konkreten Faktoren die Akzeptanz dieser Protestformen auf den G20-Demonstrationen prĂ€gen. DarĂŒber sagen die Unterschiede unter den beiden Demonstrationen nichts aus.
Aus der Literatur und aus der Medienberichterstattung im Vorfeld des Gipfels lassen sich Hypothesen ableiten, die wir im Folgenden mit Hilfe einer multiplen, linearen Regression testen. Nicht alle Hypothesen sind dabei theoretisch fundiert, sondern ergeben sich zum Teil eher aus verbreiteten Klischees und medialen Deutungen.
1) Politische Orientierung: Eine ErklĂ€rungsvariante, die die politische Orientierung in den Mittelpunkt der Analyse stellt, legt nahe, dass die Akzeptanz konfrontativer Protestmittel ein Resultat der individuellen âRadikalitĂ€tâ der Demonstrierenden ist. Dabei gilt: Je weiter links der Selbstpositionierung der Demonstrant*innen, desto eher wird dazu tendiert, konfrontative Protestformen als legitim zu erachten.
2) Mobilisierungshintergrund: Eine ErklĂ€rungsvariante auf der Meso-Ebene fokussiert den Mobilisierungshintergrund der Demonstrierenden. Dabei wird argumentiert, dass die Akzeptanz konfrontativer Protestmittel als Ergebnis spezifischer Strategiedebatten in Organisationen zu verstehen ist. Dabei gilt: Protestierende, die sich im Kontext von Organisationen mobilisiert haben, die fĂŒr den Einsatz konfrontativer Protestmittel einstehen, tendieren eher dazu diese zu befĂŒrworten, als Protestierende, die sich im Kontext gemĂ€Ăigterer Organisationen mobilisiert haben.
3) Demonstrationserfahrung: In der medialen Berichterstattung zu konflikthaften Protesten ist immer wieder die These der âBerufsdemonstrantenâ zu vernehmen, die Demonstrationen als Anlass nehmen wĂŒrden, Krawall zu stiften. Nach dieser Deutung lieĂe sich vermuten, dass die Akzeptanz konfrontativer Konfliktformen mit der Demonstrationserfahrung korreliert. Dabei gilt: Je hĂ€ufiger Befragte angeben zu Demonstrationen zu gehen, desto eher werden konfrontative Protestmittel akzeptiert.
4) StaatsnĂ€he: Eine weitere Variante zur ErklĂ€rung der Akzeptanz konfrontativer Protestformen kann unter dem Oberbegriff der âStaatsnĂ€heâ zusammengefasst werden. Demnach ist die Verbreitung dieser Protestformen insbesondere bei Demonstrierenden vertreten, die sich wenig mit dem Staat und seinen Institutionen identifizieren können und das staatliche Gewaltmonopol nicht akzeptieren. Diese zwei Aspekte aufgreifend, lassen sich zwei Erwartungen formulieren:
a) Die Akzeptanz konfrontativer Protestformen korreliert mit der Bewertung der Funktionsweise der Demokratie in Deutschland (Demokratiezufriedenheit). Dabei gilt: Je eher Befragte angeben mit dem Zustand der Demokratie unzufrieden zu sein, desto eher wird dazu tendiert, konfrontative Protestmittel zu befĂŒrworten
b) Die Akzeptanz konfrontativer Protestformen hĂ€ngt mit dem Vertrauen in die Polizei als ReprĂ€sentant des Gewaltmonopols und als ihr unmittelbarer Vertreter im Demonstrationsgeschehen zusammen. Dabei gilt: Je eher Befragte angeben der Polizei nicht zu vertrauen, desto eher wird dazu tendiert, konfrontative Protestmittel zu befĂŒrworten
5) EindrĂŒcke der Protestwoche: Positive Einstellungen zu konfrontativen Protestformen könnten auch ein Resultat der EindrĂŒcke der eskalativen Protestwoche zwischen dem 02. und dem 8. Juli sein (siehe oben). Demnach wĂŒrde der Eindruck massiver PolizeieinsĂ€tze und Eingriffe in das Demonstrationsrecht die Bereitschaft der Demonstrierenden zu SachbeschĂ€digung, Gewalt, Widerstand und Blockaden begĂŒnstigen. Dabei gilt: Befragte am 8. Juli tendieren eher dazu konfrontative Protestmittel zu befĂŒrworten, als Befragte am 2. Juli.
6) Anreise: Ăhnlich gelagert wie die These der Demonstrationserfahrung ist die der âvon auĂerhalb angereisten GewalttĂ€terâ, die insbesondere in Teilen der Hamburger Politik vertreten wurde. Ăbersetzt man diese Behauptung in eine Hypothese, dann wird angenommen, dass Befragte, die von auĂerhalb Hamburgs angereist sind, eher dazu tendieren konfrontativen Formen des Protests positiv gegenĂŒber zu stehen.
In Tabelle 4 werden alle sieben Hypothesen fĂŒr alle vier oben beschriebenen abhĂ€ngigen Variablen[15] â Akzeptanz von Gewalt, Blockaden, SachbeschĂ€digung und Widerstand gegen Polizeigewalt â getestet. Die sieben zentralen Hypothesen wurden wie folgt operationalisiert: a) Die politische Orientierung wird mit Hilfe der Links-Rechts-SelbsteinschĂ€tzung (11er-Skala) operationalisiert, wobei der Wert 1 eine Selbstpositionierung am Ă€uĂersten rechten Rand angibt. b) Der Mobilisierungshintergrund wurde mit Hilfe der Frage âĂber welche Organisation haben Sie von der G-20-Demonstration erfahren?â operationalisiert. Die Antworten wurden im Folgenden in einer dichotomen Variable zusammengefasst, bei der der Wert 0 den Mobilisierungsweg ĂŒber eine als âgemĂ€Ăigtâ eingeschĂ€tzte Organisation angibt. c) Auch die Demonstrationserfahrung wurde binĂ€r kodiert, wobei ein Wert von 0 eine Beteiligung von unter 10 Demonstrationen in den letzten 5 Jahren angibt und ein Wert von 1 entsprechend 10 oder mehr Beteiligungen. d) Demokratiezufriedenheit[16] und Vertrauen in die Polizei wurden jeweils in einer 5er-Skala erfasst. Bei der Frage nach der Demokratiezufriedenheit gibt eine Wert von 1 an âsehr unzufriedenâ zu sein; bei der Frage nach dem Vertrauen in die Polizei gibt ein Wert von 1 an der Polizei âĂŒberhaupt nichtâ zu vertrauen. e) Die EindrĂŒcke der Protestwoche wurden annĂ€herungsweise ĂŒber den Zeitpunkt der Befragung in einer Dummy-Variable operationalisiert. Ein Wert von 0 gibt eine Befragung auf der Demonstration am 2. Juli an, ein Wert von 1 eine Befragung auf der Demonstration am 8. Juli. f) Ebenfalls binĂ€r kodiert wurde der Wohnort der Demonstrierenden. Ein Wert von 0 gibt den Wohnort Hamburg an, ein Wert von 1 eine Anreise von auĂerhalb Hamburgs.
ZusĂ€tzlich wurden mit dem Alter (metrisch skaliert), dem Geschlecht (binĂ€r, 0 âweiblichâ, 1 âmĂ€nnlichâ) und dem Bildungsstand der Befragten (0 âkein Studiumâ, 1 âStudiumâ) drei Kontrollvariablen in die Analyse aufgenommen.
Tabelle 4: Regressionsmodelle
|  | Gewalt | Blockaden | SachbeschÀdigung | Widerstand | |
| Links-Rechts Selbsteinstufung |
ÎČ | 0,088*** | 0,169*** | 0,127*** | 0,146*** |
| (1-11; 1 = âganz rechtsâ) | ÎČs | 0,117 | 0,186 | 0,134 | 0,155 |
| SE | 0,024 | 0,029 | 0,029 | 0,030 | |
| Mobilisierungshintergrund | ÎČ | 0,424*** | 0,292** | 0,459*** | 0,323** |
| (0-1; 0 = âgemĂ€Ăigtâ) | ÎČs | 0,161 | 0,092 | 0,139 | 0,097 |
| SE | 0,081 | 0,098 | 0,097 | 0,101 | |
| Demonstrationserfahrung | ÎČ | 0,130 | 0,116 | 0,194* | -0,024 |
| (0-1; 0 = âwenigâ) | ÎČs | 0,057 | 0,042 | 0,067 | -0,008 |
| SE | 0,070 | 0,085 | 0,083 | 0,088 | |
| Vertrauen in die Polizei | ÎČ | -0,237*** | -0,229*** | -0,318*** | -0,357*** |
| (1-5; 1 = âĂŒberhaupt nichtâ) | ÎČs | -0,255 | -0,203 | -0,272 | -0,304 |
| SE | 0,033 | 0,040 | 0,040 | 0,041 | |
| Demokratiezufriedenheit | ÎČ | -0,045 | -0,069 | -0,143*** | -0,090* |
| (1-5; 1 = âsehr unzufriedenâ) | ÎČs | -0,048 | -0,061 | -0,121 | -0,076 |
| SE | 0,031 | 0,038 | 0,037 | 0,039 | |
| Demonstrationsteilnahme | ÎČ | 0,139* | 0,277*** | 0,057 | 0,094 |
| (0-1; 0 = âDemo 2. Juliâ) | ÎČs | 0,073 | 0,121 | 0,024 | 0,040 |
| SE | 0,056 | 0,069 | 0,067 | 0,071 | |
| Wohnort/Anreise | ÎČ | -0,042 | -0,067 | 0,007 | -0,060 |
| (0-1; 0 = âHamburgâ) | ÎČs | -0,022 | -0,029 | 0,003 | 0,040 |
| SE | 0,054 | 0,065 | 0,064 | 0,067 | |
| Alter | ÎČ | 0,000 | -0,007** | -0,008*** | -0,010*** |
| (metrisch) | ÎČs | -0,004 | -0,099 | -0,108 | -0,144 |
| SE | 0,002 | 0,002 | 0,002 | 0,002 | |
| Geschlecht | ÎČ | 0,193*** | 0,196** | 0,311*** | -0,054 |
| (0-1; 0 = âweiblichâ) | ÎČs | 0,102 | 0,085 | 0,131 | -0,023 |
| SE | 0,055 | 0,067 | 0,066 | 0,069 | |
| Bildung | ÎČ | -0,018 | -0,067 | 0,013 | -0,046 |
| (0-1; 0 = âkein Studiumâ) | ÎČs | -0,009 | -0,028 | 0,005 | -0,018 |
| SE | 0,056 | 0,068 | 0,067 | 0,070 | |
| R2 | 0,247 | 0,249 | 0,322 | 0,268 | |
| R2 korr. | 0,239 | 0,241 | 0,315 | 0,260 | |
| N | 1080 | 1079 | 1080 | 1073 |
* p < .05 ** p < .01 *** p < .001
Alle Modelle weisen eine mittlere ErklĂ€rungsleistung auf. Die stĂ€rkste VarianzaufklĂ€rung weisen die unabhĂ€ngigen Variablen fĂŒr Modell 3, die Frage nach der LegitimitĂ€t von SachbeschĂ€digungen auf (R2 korr. = 0,315).
Die Hypothesen 1, 2 und 4b können bestĂ€tigt werden. Befragte, die sich eher links einordnen, eher im Kontext links-radikaler Organisationen mobilisiert wurden und der Polizei weniger vertrauen, tendieren eher dazu Gewalt, Blockaden, SachbeschĂ€digung und Widerstand gegen Polizeigewalt als legitim zu betrachten.[17] FĂŒr alle drei Variablen ergibt sich jeweils ein signifikanter, positiver Zusammenhang.
Die Ergebnisse fĂŒr die Hypothesen 4a und 5 sind weniger eindeutig. FĂŒr den Zusammenhang von der Zufriedenheit mit der Demokratie und Einstellungen gegenĂŒber den abgefragten Protestformen ergibt sich allein fĂŒr die Frage nach der LegitimitĂ€t von SachbeschĂ€digungen und mit Abstrichen auch fĂŒr die Frage nach der LegitimitĂ€t von Widerstand gegen Polizeigewalt ein signifikanter Zusammenhang. Der Erwartung entsprechend gilt fĂŒr die Richtung, dass die Akzeptanz von SachbeschĂ€digung (und Widerstand) als legitimes Mittel mit der Unzufriedenheit mit dem Zustand der Demokratie zunimmt. Interessanterweise spielt auch der Zeitpunkt der Demonstrationsteilnahme bzw. die EindrĂŒcke der Protestwoche in Hamburg nur eine relativ geringe Rolle. Allein fĂŒr die Frage nach der LegitimitĂ€t von Blockaden (und mit Abstrichen fĂŒr die Frage nach der generellen LegitimitĂ€t von Gewalt) zeigt sich ein signifikant positiver Zusammenhang, der hier meint, dass eine Beteiligung an der Demonstration am 8. Juli eher mit einer positiven Einstellung gegenĂŒber Blockaden einhergeht. Die weiter oben geĂ€uĂerte Vermutung, die EindrĂŒcke der Eskalation trĂŒgen zu einer höheren Widerstandsbereitschaft im Falle von Polizeigewalt bei, kann auf Grundlage dieser Ergebnisse nicht bestĂ€tigt werden.
FĂŒr die Hypothesen 3 und 6 gibt es kaum signifikante Ergebnisse. Die Demonstrationserfahrung und der Wohnort/Anreise spielen (so gut wie) keine Rolle fĂŒr die ErklĂ€rung von Einstellungsmustern. Auch Bildung spielt keine Rolle. Anders die Kontrollvariablen Geschlecht und Alter: FĂŒr drei Einstellungsfragen gibt es einen signifikanten, wenn auch schwachen Zusammenhang mit den Angaben zum Geschlecht. Der positive Zusammenhang meint hier, dass MĂ€nner die LegitimitĂ€t konfrontativer Protestformen weniger kritisch sehen als Frauen. Ein Ă€hnlich schwacher, aber erneut in drei FĂ€llen signifikanter Zusammenhang besteht zwischen dem Alter und der Akzeptanz konfrontativer Protestformen. Ăltere Menschen stehen den Mitteln der Blockade und SachbeschĂ€digung, sowie der LegitimitĂ€t von Widerstand im Angesicht von Polizeigewalt eher ablehnend gegenĂŒber als jĂŒngere Menschen.
Interessant ist abschlieĂend der Vergleich der EffektstĂ€rken. Dieser gibt Aufschluss darĂŒber, welche unabhĂ€ngige Variable den stĂ€rksten Zusammenhang und somit die beste ErklĂ€rungsleistung fĂŒr das Antwortverhalten zur Akzeptanz konfrontativer Protestformen hat. Zum Vergleich der EffektstĂ€rken bietet sich der standardisierte Beta-Koeffizient ÎČs an. Allerdings lassen sich in erster Linie die nicht-binĂ€r skalierten Variablen sinnvoll miteinander vergleichen. Hier zeigt sich, dass Vertrauen in die Polizei im Vergleich mit der Links-Rechts-Einstufung, der Demokratiezufriedenheit (und dem Alter) fĂŒr alle abgefragten Einstellungen jeweils die stĂ€rkste Korrelation aufweist. Kaum verwunderlich ist, dass diese fĂŒr den Zusammenhang zwischen Vertrauen in die Polizei und der Frage nach der LegitimitĂ€t von Widerstand im Fall von Polizeigewalt am stĂ€rksten ist. Im Vergleich der Dummy-Variablen weist der Mobilisierungshintergrund den stĂ€rksten Effekt auf.
In der Gesamtschau aller unabhÀngigen Variablen scheint der Zusammenhang zwischen dem Vertrauen in die Polizei und den Einstellungsmustern zu Protestformen am stÀrksten zu sein. Zumindest annÀherungsweise weisen auch die höheren Werte der standardisierten Beta-Koeffizienten auf die zentrale ErklÀrungsleistung der Variable Polizeivertrauen hin.
Die Ergebnisse legen nahe, dass unter allen hier untersuchten ZusammenhĂ€ngen das Misstrauen gegenĂŒber der Polizei als ReprĂ€sentantin des staatlichen Gewaltmonopols und als unmittelbare Gegenspielerin im Demonstrationsgeschehen ein zentraler, aber bei weitem nicht der einzige Ansatzpunkt ist, um die Akzeptanz konfrontativer Protestformen zu erklĂ€ren. DarĂŒber hinaus zeigt die Analyse, dass das Antwortverhalten nicht als kurzfristiger Effekt der EindrĂŒcke der Eskalation, sondern vielmehr als das Ergebnis langfristig bedingter Einstellungsmuster zu verstehen ist. Die eher auf Klischees begrĂŒndeten und in den Medien und politischen Kreisen verbreiteten Thesen der âgewaltbereiten Berufsdemonstrant*innenâ und der âzugereisten Randalierer*innenâ sind empirisch nicht haltbar.
3. Fazit
Zusammenfassend lĂ€sst sich durch die Auswertung der Befragungsdaten zeigen, dass die politische und taktische Ausrichtung der zu den beiden Demonstrationen mobilisierenden Organisationen einen ĂŒberraschend schwachen Einfluss auf das Spektrum der Einstellungen der jeweils anwesenden Demonstrierenden hat. Die jeweils aufrufenden Organisationen unterscheiden sich in ihrer Positionierung viel deutlicher voneinander als die Teilnehmer*innen der Demonstrationen. Insbesondere fĂ€llt auf, dass vor allem die Teilnehmer*innen der ersten Demonstration konfrontativen Protestformen deutlich aufgeschlossener gegenĂŒberstehen als die Organisator*innen der Demonstration. Mit Blick auf die Demonstrierenden ist die Spaltung des ProtestbĂŒndnisses entlang demonstrationstaktischer Fragen im Nachhinein nicht nachzuvollziehen. Auch die gegenseitige Wahrnehmung der Demonstrierenden ist weit weniger kritisch als es die gegenseitigen Abgrenzungen der Organisator*innen erwarten lieĂ.
Auf beiden Demonstrationen sind sich die Teilnehmer*innen untereinander jedoch keineswegs einig darĂŒber, welche Formen des Protests der Situation angemessen wĂ€ren. Wenig ĂŒberraschend korreliert eine höhere Akzeptanz konfrontativerer Aktionsformen vor allem mit einer linkeren politischen Selbstverortung und einem radikaleren Mobilisierungshintergrund, also eine NĂ€he zu Organisationen aus dem linksradikalen Spektrum. Ebenfalls wenig ĂŒberraschend sind es eher die jĂŒngeren MĂ€nner, die eine gröĂere Sympathie fĂŒr konfrontativere Aktionsformen hegen.
Die gröĂte Differenz zwischen beiden Demonstrationen zeigt sich in der Wahrnehmung der Polizeibegleitung â angesichts des Verhaltens der Polizei im Verlauf der Proteste ist auch das kein ĂŒberraschendes Ergebnis. Allerdings gibt es keine Hinweise darauf, dass das eskalierende Auftreten der Polizei wĂ€hrend der Proteste Einfluss auf die Akzeptanz konfrontativer Aktionsformen gehabt hat. Diese sind weniger ein Produkt des Augenblicks als Ausdruck langfristigerer Ăberzeugungen. Auf individueller Ebene ist das Misstrauen gegenĂŒber der Polizei der stĂ€rkste PrĂ€diktor fĂŒr eine Akzeptanz konfrontativerer Aktionsformen. Durchgehend wird initiativ von den Demonstrierenden ausgehende Gewalt ganz ĂŒberwiegend klar abgelehnt, wĂ€hrend Gegenwehr gegen von der Polizei ausgehende Gewalt durchaus befĂŒrwortet wird. Dabei steigert auf vergangenen Erfahrungen beruhendes Misstrauen gegenĂŒber der Polizei noch einmal die Bereitschaft zur Konfrontation.
4. Literatur
Haunss, S., P. Daphi, L. Gauditz, P. Knopp, M. Micus, P. Scharf, S. Schmidt, M. Sommer, S. Teune, R. Thurn, P. Ullrich & S. Zajak, 2017: #NoG20. Ergebnisse der Befragung von Demonstrierenden und der Beobachtung des Polizeieinsatzes (ipb working papers, November 2017). Berlin: Institut fĂŒr Protest- und Bewegungsforschung.
Leach, D.K. & S. Haunss, 2010: âWichtig ist der Widerstandâ: Rituals of Taming and Tolerance in Movement Responses to the Violence Question. S. 73â98 in: F. HeĂdörfer, A. Pabst & P. Ullrich (Hrsg.), Prevent and Tame. Protest under (Self-)Control. Berlin: Dietz.
Teune, S., 2008: Gegen Zaun, Gipfel und KĂ€fighaltung. Eine Chronik des Protests gegen das G8-Treffen in Heiligendamm. S. 17â29 in: D. Rucht & S. Teune (Hrsg.), Nur Clowns und Chaoten? Die G8-Proteste in Heiligendamm im Spiegel der Massenmedien. Frankfurt â New York: Campus.
Teune, S. & M. Sommer, 2017: Zwischen Emphase und Aversion. GroĂdemonstrationen in der Medienberichterstattung (unter Mitarbeit von Dieter Rucht). Berlin: Institut fĂŒr Protest- und Bewegungsforschung.
Winship, C. & R.D. Mare, 1984: Regression Models with Ordinal Variables. American Sociological Review 49: 512â525.
Wooldridge, J.M., 2013: Introductory econometrics: a modern approach. Mason: Cengage Learning.
5. Endnoten
[1] Spiegel Online, 6.5.2015.
[2] Hamburger Abendblatt, 18.11.2016.
[5] Siehe FuĂnote 3. Das in der âG20-Plattformâ organisierte BĂŒndnis âums Ganzeâ kritisiert diese Taktik, âso viele Tage vor dem Gipfel zu demonstrieren, dass ihre âProtestwelleâ garantiert niemanden stören kannâ (âŠums Ganze! u. a. 2017).
[6] Siehe FuĂnote 4.
[9] Hamburger Abendblatt, 3.7.2017.
[10] Berliner Morgenpost / dpa, 8.7.2017.
[11] Neben den beiden genannten Demonstrationen gab es mit der âWelcome to Hellâ Demonstration am 06. Juli 2017 eine weitere GroĂdemonstration, fĂŒr die aber fast ausschlieĂlich aus dem autonomen, linksradikalen Spektrum mobilisiert wurde. Die Teilnehmer*innen dieser Demonstration wurden von uns aber nicht befragt, weil es sich dabei nicht um eine BĂŒndnisdemonstration der Gruppen und Organisationen des Vorbereitungskreises handelte und weil wir die Chancen, einen zufriedenstellenden RĂŒcklauf von Fragebögen sicherzustellen, als nicht sehr hoch einschĂ€tzten.
[12] Umgekehrt geben 18,5% der Befragten auf der Abschlusskundgebung an, die âProtestwelleâ besucht zu haben.
[13] Die Boxplots zeigen die Verteilung der Antworten bei den Teilnehmer*innen beider Demonstrationen. Die farbigen Balken markieren dabei den Bereich, in den die mittleren 50% der Antworten fallen, die dickere schwarze Linie in der farbigen Box markiert den Median der Verteilung, die gestrichelte rote Linie den Mittelwert.
[14] Bei der âProtestwelleâ spielt die âGewaltfrageâ fĂŒr die Motivation auf die StraĂe zu gehen (offene Frage) keine Rolle.
[15] Die abhĂ€ngigen Variablen sind jeweils auf einer 5er-Skala gemessen, wobei die Zustimmung zu den oben beschriebenen Fragen von 1 âĂŒberhaupt nichtâ bis 5 âvoll und ganzâ variiert. Es ist klar, dass die abhĂ€ngigen Variablen nicht klassisch metrisch skaliert sind. Vor dem Hintergrund der hohen Fallzahlen und der Tatsache, dass es sich um eine ungerade Skalierung handelt, ist das Verfahren der multiplen, linearen Regression dennoch vertretbar (Winship and Mare 1984). In den Regressionsmodellen scheint MultikollinearitĂ€t kein Problem zu sein. FĂŒr keinen Faktor ĂŒberschreitet der Varianzinflationsfaktor (VIF) einen Wert von 1,6. Aller Werte liegen damit deutlich unter dem gemeinhin als âzu hochâ eingestuften VIF-Wert von 10 (Wooldridge 2013: 98). Die SchĂ€tzung mit robusten Standardfehlern ist nahezu identisch.
[16] Frage im Wortlaut: âWie zufrieden sind Sie mit der Demokratie wie sie in Ihrem Land funktioniert?â
[17] Der positive Zusammenhang fĂŒr z.B. die politische Orientierung in der Regressionstabelle meint entsprechend, dass sich Personen, die sich weiter rechts bzw. eher in der Mitte der Skala positionieren, konfrontative Protestformen eher ablehnen.
